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Karl ABRAHAM

Eine infantile Theorie von der Entstehung des weiblichen Geschlechtes

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, Heft 1, März 1923


ONLINE VERÖFFENTLICHT AM: Sonnabend 24. Januar 2004

Alle Fassungen dieses Artikels:

Karl ABRAHAM, Eine infantile Theorie von der Entstehung des weiblichen Geschlechtes, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IX, Heft 1, März 1923, S. 75-76.


Aus den Psychoanalysen vieler Patientinnen Kennen wir die kindliche, vom Unbewußten noch festgehaltene Auffassung, daß die Tochter vom Vater auf dem Wege der Kastration zum Mädchen gemacht worden sei. Kürzlich berichtete eine Patientin mir einen Traum, in welchem ebenfalls dem Vater die Bestimmung des Geschlechtes zugewiesen wird. Der Vorgang ist aber anders als in den mir sonst begegneten Träumen und wird außerdem ni die Zeit vor der Geburt der Patientin verlegt. Der Traum lautet :

»Ich liege im Wasser, ganz am Boden. Ich bin tot, das heißt, ich liege unbeweglich, aber ich kann doch alles beobachten. Da sehe ich, wie ein großes Schiff über das Wasser hin fährt. Auf dem Schiff steht ein Mann mit einer langen Stange ; er bewegt damit das Schiff vorwärts, wie das auf unseren Flüssen üblich ist. Nun senkt er seine Stange ins Wasser nach der Richtung, wo ich liege und stößgt mir damit ein Loch in die Gegend des Mundes. Der nächste Stoß trifft mich in die Brust ; mit dem dritten bohrt er mir ein Loch in den Unterleib.«

Die Träumerin wird im Mutterleib zur Zeugin des sexuellen Verkehrs der Eltern - ein Vorkommnis, das sich in den Träumen vieler Personen abspielt. Das Besondere des mitgeteilten Traumes ist aber, daß die Träumerin durch den beobachteten Vorgang zugleich zum Weibe gemacht wird. Der Traum gibt also der Vorstellung Ausdruck, daß die Vagina vom Penis des Vaters vor der Geburt des Mädchens gebohrt werde.

Auf die übrigen Determinierungen des Traumes gehe ich nicht ein ; mir lag nur daran, eine besondere, mir bisher nicht bekannte kindliche Sexualtheorie in ihm nachzuweisen.

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